Peter Schlueer
Peter Schlueer

Portrait des Pianisten Nikolai Lugansky

von Peter Schlüer, Klassik Heute

Poet und Virtuose

Porträt des Pianisten Nikolai Lugansky Bild klicken für Nikolai Lugansky auf YouTube

Mit einer überaus transparenten Deutung der Etüden Chopins bewies Nikolai Lugansky vor zwei Jahren eindrucksvoll seine Gabe, Virtuoses unspektakulär leicht und doch poetisch sinnerfüllt darzubieten. Schon geraume Zeit bevor er im Jahre 1994 als Sieger aus dem Zehnten Internationalen Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau hervorging, spielte er sich mit imposanten Rachmaninoff-Aufnahmen und erfolgreichen Debüts in Europa, Südamerika und Fernost in die Elite der jungen Pianistengeneration. Nun ist eine neue Aufnahme mit Chopin-Werken erschienen, seine vierte bei der französischen Firma Erato.

 

Doch nicht nur mit Chopin und Rachmaninoff vermag der junge Russe feinsinnig zu brillieren, auch Werken der deutschen Romantik näherte er sich schon erstaunlich sensibel, wie insbesondere seine Lesart der Sinfonischen Etüden Robert Schumanns zeigt: Die weiche Behutsamkeit, mit der er die engelsgleich zart vom viergestrichenen ,f' in schillernden Harmonien herabschwebende letzte nachgelassene Variation zu spielen weiß, zeugt von seiner Einfühlungsgabe in eine seelische Dimension, die auch in fremden Sprachen mangels wirklich treffender Übersetzungen mit „Innigkeit" bezeichnet wird – einem Begriff, der untrennbar mit Beethovens Sonate in E-Dur op. 109 aus dem Jahr 1820 verbunden ist, deren abschließender Variationssatz die Ausdrucksbezeichnung „Gesangvoll, mit innigster Empfindung" trägt und in vieler Hinsicht Vorbote Schumannscher Welten ist.

 

Mit Luganskys Sinn für diese Innigkeit paart sich eine aus erstaunlichem motorischem Potential erwachsende, grazil elegante Virtuosität, die mit der bekannten „russischen Pranke" wenig gemein hat. Sie ermöglicht ihm, aus dem „Vivacissimo", „Agitato", „Presto possibile" oder „Allegro brillante" der Etüden zuweilen ungebrochen Schumanns stürmische Seelenhälfte Florestan sprechen zu lassen oder die Toccata op. 7 mit duftig federndem Elan zu durcheilen. Zu dieser mühelos scheinenden Virtuosität kommt noch, wie bei fast jedem wirklich herausragenden Instrumentalisten, eine ungemein rasche Auffassungsgabe, von der noch ausführlicher die Rede sein wird. Sie gibt ihm die Freiheit, auch kurzfristig Stücke auf seine Programme zu setzen, die normalerweise wegen ihres Mißverhältnisses zwischen großer Aufwendigkeit und geringer Popularität gemieden werden. Zum Beispiel Tschaikowskys zweites Klavierkonzert: Wer hier nicht mit kühnen Tempi die Flucht nach vorne antritt, der versinkt unweigerlich in den brodelnden Akkordfigurationen der riesigen Solokadenz, die im ersten Satz anstelle der Durchführung steht. Auf einer Tournee mit den Moskauer Philharmonikern unter Yuri Simonov kompensierte Lugansky jüngst die problematisch redseligen Verzweigtheiten des unter weniger berufenen Händen nicht endenwollenden Werkes, indem er mit fliegender Passagentechnik klar gegliederte Bögen schuf, die musikalischen Zusammenhang und Überblick stifteten.

 

Nikolai Lugansky, verheiratet und Vater von zwei Kindern, wirkt auf der Bühne bei aller musikalischen Überzeugungskraft immer noch ein wenig wie der linkische Knabe, der einem auf den ersten CD-Covers von Vanguard Classics entgegenlächelt. Dies vor allem im Kontrast zur soliden Statur des Dirigenten Yuri Simonov, der sein Orchester mit extrovertierten, martialischen Gebärden zu Klangpracht und wuchtigem Ausdruck animiert, um nach der Pause bei Rimsky-Korssakoffs sinfonischer Suite Scheherazade zum Vergnügen des Publikums verführerisch tänzelnd ein gestisches Feuerwerk in der Manier des Hollywoodstars Jack Nicholson abzubrennen. Lugansky, der sich nach seinem pianistischen Parforceritt unter das Publikum gemischt hat, nimmt das bühnenwirksame, auf seine Art geniale Dirigentenballett kaum wahr: Ganz auf die Musik konzentriert, blickt er stets ernst und versonnen zur Seite. Erst als bei der Blumenübergabe, wie immer, der Applaus für einen winzigen Moment ins Stocken gerät (als fürchte das Publikum, der Strauß könne versehentlich fallen gelassen werden), erst als der Komiker Yuri Simonov mit entschlossener Geste seinen Dirigierstab zwischen die Blumen steckt, um sie dann, so verziert, für jeden gut sichtbar auf seinem Pult zurückzulassen, erst da lächelt auch Lugansky.

 

Schauerliche Wirbelstürme

Der Komponist, der ihm am nächsten steht, hätte angesichts solcher Späße wahrscheinlich überhaupt nicht gelächelt: Sergei Rachmaninoff. Mit dessen sämtlichen Etudes-Tableaux gab Lugansky 19-jährig sein Debut bei Vanguard Classics (zuvor waren schon zwei Aufnahmen bei Melodiya erschienen). Hier vernimmt man noch wenig von der transparenten, filigranen Eleganz, die bereits ab der nächsten, ebenfalls ausschließlich Rachmaninoff gewidmeten CD zu seinem persönlichen Stilmerkmal werden wird: Mit virtuosem Ungestüm und bis an die Grenzen akustischer Gewalttätigkeit gehend, zeichnet er mit kühnem Strich Rachmaninoffs düster schillernde Klangbilder nach. Luganskys selbstverfasster Einführungstext zur Aufnahme zeugt von einer geistigen Durchdringung der Materie, die für junge Virtuosen nicht eben selbstverständlich ist. Er zitiert darin russische Dichter wie Tyutchew, Blok und Puschkin, erwähnt illustrierend die Prosa Bunins oder die „schauerlichen Wirbelstürme aus der Hölle Dantes", macht aufmerksam auf wichtige musikalische Symbole wie das ständig wiederkehrende Motiv des Glockenläutens und läßt auch seinen eigenen Assoziationen jugendlich freien Lauf.

 

Solcherlei intellektuelle Orientiertheit hat Nikolai Lugansky sicherlich auch der stets über die Grenzen des rein Pianistischen, ja sogar über die Grenzen des nur Musikkulturellen hinausgehenden Förderung seiner Lehrerin Tatjana Nikolajewa zu verdanken. Ihr Leben lang war sie als Jurorin bedeutender Wettbewerbe unermüdlich auf der Suche nach neuen Talenten und bezeichnete ihren Ausnahmeschüler Nikolai Lugansky in einem Interview kurz vor ihrem Tod als „den kommenden Musiker". Seinen Sieg beim Zehnten Internationalen Tschaikowsky-Wettbewerb 1994 in Moskau durfte sie nicht mehr miterleben: Ein Jahr zuvor starb sie während eines Konzertes in San Francisco, auf der Bühne.

 

Luganskys Eltern, beide Naturwissenschaftler, entdeckten die Begabung ihres Sohnes rein zufällig: Obwohl ein großer Opernfan, hatte sich der Vater schon vor der Geburt seines Sohnes geschworen, kein Musikinstrument anzuschaffen. Unter allen Umständen wollte er sein Kind vor den schon oft genug bei den Sprößlingen von Freunden und Bekannten beobachteten Qualen täglicher Übedisziplin bewahren. Doch das Schicksal sollte ihn überlisten.

 

„Eines Tages", so erzählt Nikolai Lugansky, „brachte mein Vater ein anderthalb Oktaven umfassendes Spielzeugklavier mit nach Hause, das mehr durch Zufall in seinen Besitz geraten war. Als er versuchte, darauf ein bekanntes sowjetisches Volkslied zu spielen, rief ich ihm aus dem Nebenzimmer zu, daß er falsche Noten spiele und wie es richtig klingen müsse." Lugansky, damals fünf Jahre alt, besaß das absolute Gehör. Ein Phänomen, das sein Vater bis zu diesem Augenblick für eine mehr oder minder unglaubwürdige Legende gehalten hatte. Umgehend suchte man eine Kindermusikschule auf, wo der Sohn zum erstenmal in seinem Leben einen großen Konzertflügel zu sehen bekam.

 

Neuerliche glückliche Umstände wollten es, daß ein Schüler des legendären Klaviervirtuosen Nikolai Igumnow sein erster Lehrer wurde. „Seine Datscha lag genau neben der unsrigen", erinnert sich Lugansky, „und so lernten wir uns kennen. Meine Eltern zogen dort Gemüse, und manche Leute, wie die Familie meiner heutigen Frau, hielten sogar Schweine, Hühner und Kaninchen, um in der Stadt überleben zu können. Sergei Ipatov, so hieß mein Lehrer, hatte seine Kindheit und Jugend in Waisenhäusern verbracht und konnte deshalb erst im Alter von 16 Jahren mit dem Klavierspiel beginnen, was natürlich verhinderte, daß er als Pianist an die Spitze kam. Aber er war sehr talentiert, auch als Komponist. Seinen Lebensunterhalt verdiente er mit Unterrichten und Klavierstimmen. Für die meisten Menschen war es keine einfache Zeit, damals in der Sowjetunion."

 

Ipatov vermittelt seinen Schüler an die Zentrale Musikschule, wo er bei Tatjana Kestner unterkommt, die noch bei dem berühmten Alexander Goldenweiser studiert hatte, von dessen im Westen leider weniger bekanntem Schüler Grigory Ginsburg Lugansky übrigens in den höchsten Tönen schwärmt. Wahrlich nicht zu Unrecht, wie man angesichts der unerhört singenden, schmerzlich zarten Poesie bekennen muß, mit der dieser Pianist die schwebenden Echowirkungen im von Liszt transkribierten Ständchen aus Schuberts Schwanengesang auf die Tasten zu zaubern weiß. Die Aufnahme wurde im Rahmen der Great Pianists of the 20th Century-Serie von Philips wieder zugänglich gemacht.

 

Massenweise Schallplatten

Als Tatjana Kestner hochbetagt stirbt, gibt Lugansky zu ihrem Gedenken im Alter von zwölf Jahren seinen ersten Klavierabend und studiert am Moskauer Konservatorium bei Tatjana Nikolajewa weiter, die auch der Schule Goldenweisers entstammt. Ihre Karriere begann 1950 in Leipzig, als sie den dortigen Internationalen Bach-Wettbewerb 26-jährig für sich entschied. Schon in der ersten Runde hatte sie die Jury unter Vorsitz von Dmitri Schostakowitsch verblüfft, als sie verkündete, nicht nur wie gefordert eines, sondern jedes beliebige Werkpaar aus dem gesamten Wohltemperierten Klavier vortragen zu können. Sie wurde zur weltweit gefeierten Bach-Interpretin, und Schostakowitsch ließ sich von ihrem Klavierspiel zu seinem pianistischen Hauptwerk, den Präludien und Fugen op. 87 inspirieren, die sie 1952 im damaligen Leningrad uraufführte.

 

Nikolai Lugansky wird ihr mit Abstand begabtester Schüler, dessen Förderung ihr ganz besonders am Herzen liegt. Im Jahre 1988 zeigt sie ihren Agenten im Westen die bei Melodiya erschienenen Schallplatten des 15-jährigen und nimmt ihn schließlich mit auf internationale Konzertreisen. Es entsteht eine professionelle Musikergemeinschaft: Die beiden treten gemeinsam in Klavierduo-Abenden und mit den Doppelklavierkonzerten von Bach und Mozart auf. Darüberhinaus gibt Lugansky sein Solodebüt bei der MIDEM in Cannes und gewinnt den gleichen Bach-Wettbewerb in Leipzig, mit dem die Karriere seiner Lehrerin begonnen hatte.

 

„Obwohl sie schon 65 Jahre alt war und ich erst 15, kann ich sagen, daß wir Freunde waren. Ich war oft bei ihr zu Hause und wir hörten massenweise Schallplatten zusammen an. Sie konnte von Musik nie genug bekommen und brachte von jeder Auslandsreise neue Aufnahmen mit. Ihr Geschmack war dabei erstaunlich breit gefaßt, so schätzte sie zum Beispiel ganz ausgesprochen Glenn Gould, obwohl dessen Bachauffassung ihrer romantischen Sichtweise im Grunde widersprach. Bei ihr hörte ich zum erstenmal Aufnahmen von Horowitz, und sie machte mich vertraut mit den Ravel-Interpretationen von Vlado Perlemuter, der damals in Rußland völlig unbekannt war. Wir besuchten auch gemeinsam Konzerte oder Theatervorstellungen, und ich versäumte natürlich keinen einzigen ihrer eigenen Auftritte in Moskau. Sie hatte nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich ungeheueren Einfluß auf mich, dank ihrer besonderen Herzenswärme. Nicht viele wissen, daß sie ein schweres Leben hatte: Nachdem sie früh Witwe geworden war, trug sie nicht nur allein die Verantwortung für ihren kleinen Sohn, sondern auch für ihren geistig behinderten Bruder, den sie bei sich wohnen hatte und stets liebevoll umsorgte."

 

Die Nikolajewa unterrichtet ihren Schüler durchaus unorthodox. Sie gibt ihm zwar musikalische Hinweise, technisch aber läßt sie ihn weitgehend selbst seinen Weg finden: „Ich war dadurch gezwungen", erzählt Lugansky, „bei jedem Stück von Null anzufangen und lernte mit der Zeit, für jeden Komponisten ein eigenes Arsenal von Bewegungsmustern zu finden. Das heißt, wenn ich heute in einem Konzert zu einem anderen Komponisten wechsle, dann werde ich im selben Moment nicht nur zu einem anderen Musiker, sondern gleichsam auch zu einem anderen Pianisten."

 

Konstante Rachmaninoff

Luganskys rasche Auffassungsgabe verblüfft selbst die ständig mit Spitzentalenten umgehende Tatjana Nikolajewa: Als sie ihm das dritte Klavierkonzert von Rachmaninoff aufgibt, das er noch nie gespielt hat, braucht er drei Tage, bis er es auswendig kann und ihr ohne Noten vorträgt. Der Klavierauszug des mit den größten technischen Hürden gespickten Werkes umfaßt in der Ausgabe von Boosey & Hawkes immerhin stolze 78 Seiten.

 

Die Fähigkeit zu solchen für Normalbegabte schier unbegreiflichen Gedächtnisleistungen kommt zwar sehr selten vor, unter dem kleinen Häuflein der um die Welt jettenden Spitzeninstrumentalisten und Topdirigenten jedoch ist sie fast gang und gäbe. Auch der Supervirtuose Arcadi Volodos lernte Rachmaninoffs drittes Klavierkonzert in nur wenigen Tagen, und die abgespeicherten Partiturseiten in den Köpfen von Dirigenten wie Daniel Barenboim oder Lorin Maazel gehen in die Tausende.

 

Spiegelt sich etwas von Rachmaninoffs Melancholie in Luganskys eigener Persönlichkeit? „Ich denke ja, sonst würde ich nicht Rachmaninoff spielen. Diese Melancholie ist ein Teil des russischen Gemütes. Sie mag zusammenhängen mit der Düsternis und unendlichen Weite unseres Landes."

 

Wie unschwer zu vermuten, hat Lugansky mit zeitgenössischer Musik nicht viel im Sinn. Das Zerbrechen der Tonalität empfindet er mehr als Krankheit denn als Revolution. So wählte er für seine Debüt-CD bei Erato denn auch ganz konservativ Chopins Etüden. Ihm gelang eine überlegen leichtfingrige, elegante Deutung von erfrischender Lebendigkeit. An der ästhetischen und poetischen Abrundung jedes einzelnen Stückes war ihm dabei weit mehr gelegen als an zirzensischer Zurschaustellung seiner makellosen Technik. Und Chopin ist auch wieder Gegenstand seiner neuesten Aufnahme.

 

Die im Jahre 2001 erschienene CD hat die Grundkonstante Rachmaninoff fortgesetzt mit den sechs Moments musicaux op. 16 und den zehn Préludes op. 23. Während der Aufnahmen im September 2000 soll Lugansky, einem spontanen Einfall folgend, eine Deutung des schon zu Rachmaninoffs Lebzeiten zum Schlager gewordenen frühen cis-Moll-Préludes von so „brennender Intensität" gegeben haben, daß man sich kurzerhand entschloß, es noch als Bonustrack auf der CD unterzubringen. Man darf also gespannt sein, was Lugansky uns da bieten wird: Auf seiner Deutschlandtournee mit den Moskauer Philharmonikern gab er schon einen kurzen Vorgeschmack aus den Moments musicaux als Zugabe, der, soviel sei verraten, auf Rasantes und Feuriges hoffen läßt...

 

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Originalveröffentlichung von diesem Nikolai Lugansky Potrait verfügbar hier bei Klassik Heute

 

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